Bernina 2020 - Amweg Motorsport

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Bernina 2020

Berichte

Peter Wyss | 20. September 2020


Bernina GT: Ein unbelohnter Tagessieger 🎥

EINSAMER AMWEG ZU ÜBERLEGEN Thomas Amweg gewann die Bernina GT 2020 in Rekordzeit. Weil er mit seinem Martini F2 konkurrenzlos war, wurde Porsche-Pilot Florian Feustel als Tagessieger ausgerufen.


Kurze Szenen vom Kurvengeschlängel vor dem Ziel – mit 2330 Meter so hoch wie bei keinem anderen Bergrennen in Europa – im letzten Rennlauf am Sonntag. Amwegs stotternder Motor ist gut zu hören.
Wie schon die mehrheitlich einheimischen Veranstalter der Arosa Classic Car vor zwei Wochen, schafften es die primär aus Deutschen bestehenden Organisatoren, die sechste Austragung der Bernina GT für Historische Sport- und Rennfahrzeuge trotz Corona-Massnahmen über die Bühne zu bringen. Bravo!

Ein schönes internationales Feld
Dass sich das Wetter in der idyllischen, hochalpinen Region mit Ausnahme von aufziehender Bewölkung und Nebelschwaden am ersten Rennnachmittag zudem von der besten Seite zeigte, hob die Stimmung der rund 80 Teilnehmer.
Trotz gewisser Reiserestriktionen kamen etliche aus mehreren europäischen Ländern, auch waren die meisten Fahrzeuge sogar aus den Regularity-Klassen wirklich sehenswert. Nur einer war am Ende nicht so glücklich, wie er es eigentlich verdient gehabt hätte – aber dazu kommen wir später.


Das Wetter im Puschlav und im Engadin spielte an allen drei Tagen mit. So boten sich für die Teilnehmer an der Bernina GT 2020 die besten Bedingungen (Fotos: Peter Wyss).

In drei Minuten auf den Berninapass
Im elf Fahrzeuge mit FIA-Wagenpass umfassenden Competition-Feld war Thomas Amweg im Martini-BMW Mk50 F2 von 1988 der einzige Rennwagenpilot. Damit pulverisierte der Aargauer den bestehenden Rekord auf der 5700 Kilometer langen Strecke von La Rösa (Start auf 1871 Meter Höhe) auf den 2330 Meter hohen Berninapass. Im zweiten Rennlauf vom Samstagnachmittag setzte er ihn auf 2:58,62.
Im dritten und vierten Durchgang am frühen Sonntagmorgen kam Amweg nicht mehr unter die 3-Minuten-Marke. Motoraussetzer im oberen Streckenteil verhinderten eine mögliche Zeit um 2:55. Da nur die beste Zeit aus den vier Pflichtläufen für das Klassement zählte, spielte dies aber keine Rolle.


„Bergkönig“ Fredy Amweg und Sohn Thomas im Martini-BMW F2. So hoch oben in den Bergen lagerten sie noch nie.

Schneller Wahlschweizer auf Porsche
Amweg distanzierte die schnellsten GT-Piloten natürlich um Welten, obwohl sich diese zu steigern vermochten. Unter ihnen zeigte Florian Feustel die beste Leistung.
Mit der originalgetreuen Replika des 1975er-Carrera RSR IROC von Kannacher Racing schaffte es der 32-Jährige im letzten Lauf wie gewünscht, die von Ronnie Kessel 2019 im bewusst zurückhaltend pilotierten Ensign-Cosworth F1 gesetzte Rekordzeit ebenfalls um sechs Zehntel zu unterbieten. So schnell wie der in Neunkirch SH heimische und arbeitende Deutsche war bei der Bernina GT noch kein Fahrer mit Dach über dem Kopf.


Florian Feustel trieb seinen Carrera wie schon in Arosa zum Sieg in der Klasse Competition. Nur wenige fuhren eine solche Ideallinie über die Rinne.

Auch dem hier schon siegreichen Daniele Perfetti in einem Carrera RSR 3.0 gab Feustel um 6,5 Sekunden das Nachsehen. Einzig Thomas Kern vermochte mit seiner flott bewegten Shelby Cobra 427 ein Porsche-Quartett zu sprengen.

Feustel, nicht Amweg
Bei der vor dem Ospizio Bernina schön inszenierten Preisverteilung samt Apéro Riche kam dann die Enttäuschung für Thomas Amweg. Weil er so einsam und drückend überlegen war, entschieden die Organisatoren mit dem Okay der Sportkommissare (hat einer zugeschaut wie Amweg angriff und sich seine Mechanikercrew bemühte?), ihn solo in einer Klasse Formula Competition zu werten. Die Trennung nach Formelwagen und geschlossenen Rennfahrzeugen ist bei der Arosa ClassicCar schon seit Jahren üblich.


Beide hätten den Wanderpokal und die Gravur ihres Namens verdient. Doch für ein Jahr geht er zu Florian Feustel in den Kanton Schaffhausen.

Als Tagessieger wurde daher zu seiner eigenen Verwunderung Florian Feustel ausgerufen. Der Wahlschweizer darf nun den Wanderpokal mit den eingravierten Namen der ersten berühmten Gewinner Louis Chiron (1929) und Hans Stuck (1930) ein Jahr lang bei sich zu Hause aufstellen.
Thomas Amweg: «Schon in Arosa fühlte ich mich in den letzten Jahren ungerecht behandelt, weil nicht ich, sondern der Schnellste aus der Competition-Klasse wie auch die Regularity-Sieger eine schöne Uhr erhielten. Ich kann ja nichts dafür, dass ich keine Konkurrenz habe.»


Die 5700 Meter lange Strecke von La Rösa auf den Berninapass ist in perfekten Zustand. Fahrer freuen sich darüber ebenso wie Zuschauer, die einen tollen Ausblick geniessen.

Tolle Kulisse für flüssige Strecke
Für die Veranstaltung selbst, deren einzigartigen Ambiance und vor allem die Strecke hat der vermeintliche Tagessieger hingegen nur grosses Lob übrig
Thomas Amweg: «In diesem exklusiven Teilnehmerfeld fühlte ich mich als Greenhorn. Die Atmosphäre ist sehr schön und die Strecke ein Traum – im Vergleich zu Arosa eine Autobahn. Auch habe ich die Kulisse bei jeder Talfahrt an den Start genossen.»

Gewinnbringende Langsamkeit…
Dass man auch mit Langsamkeit gewinnen kann, weil es bergauf nicht schneller geht, demonstrierte Alexander Boller. Stets mit PassagierIn auf dem Beifahrersitz seines Bentley 4,5 Litre holte er mit Zeiten um sechs Minuten den ersten Platz in seiner Gleichmässigkeitsklasse. Weil die sechs anderen Vorkriegswagen wesentlich schneller waren, erhielten sie bei einer Richtzeit von 6:51,22 auch mehr Strafzeit.


Für Alexander Boller (hinten) spielte es keine Rolle, dass er eingeholt wurde. Er gewann bei den Vorkriegswagen.

…und gleichgültige Schnelligkeit
Bei den 52 Regularity-Fahrern der jüngeren Perioden kam Tom Beck in einem Alfa Romeo 2600 Sprint Zagato in zwei von vier Läufen der Richtzeit von 4:16,50 am nächsten. Vielen war diese Wertung allerdings egal.
So hätte Marco Lazzarini mit dem bei Bruno Ianniello gemieteten Lancia Delta S4 mit seiner Bestzeit von 3:13,21 den dritten Gesamtrang in der Competiton belegt. Der 50-jährige Garagier aus Zernez verfügt aber nicht über die dafür notwendige Lizenz. Auch der Fahrer und die Fahrerin der beiden originalen Audi Quattro Gruppe B gaben richtig Gas.


Bruno Ianniello konnte mit seinem Kunden Marco Lazzarini zufrieden sein. Der Engadiner fuhr die drittbesten Laufzeiten.

Berühmte Namen ohne Ambitionen
Dass sich mit Arturo Merzario auf Abarth 2000 Sport und dem aus England angereisten Schweden Stefan Johansson auf Saab V4 zwei ehemalige GP-Piloten unter ferner liefen klassierten, ebenso Fredy Lienhard im erstmals bewegten Alfa Romeo TZ2, widerspiegelt den olympischen Gedanken vieler Teilnehmer.
Auch Alpina-Chef Andreas Bovensiepen gehörte mit dem BMW M3 DTM von 1988 (ex Danner und Oberndorfer) dazu. Selbst jahrelang auf hohem Niveau im Tourenwagensport aktiv, bestritt er am Bernina sein allererstes Bergrennen – gut möglich, dass es nicht sein letztes gewesen war.


Arturo Merzario kam von einer Ferrari-Präsentation in Basel direkt ins Engadin. Der 77-jährige Italiener ist immer noch eine schillernde Figur.
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